DIE LAUDE VON HEILIGE
FRANZISKUS
Elise Valere: Du warst
Schauspieler in „State
Buoni Se Potete“ (Himmel und Hölle), Erzähler
im „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns
sowie in „Peter und der Wolf“ von Prokoviev und
Du schriebst die Musik zu „Il Viaggio Incantato“ (Die
verzauberte Reise). (- Ja, die Marionetten.) Halfen Dir diese
Erfahrungen, Dich dieser Lauda anzunähern?
Angelo Branduardi: Oh,
ja! Ja sicher, besonders weil die Lauda, auch wenn es eine
Ausdrucksart aus dem 13ten Jahrhundert ist, in der Tat
dem Kino viel näher ist als dem Theater.
Denn in der Lauda es ist üblich, dass der Minnesänger
auf der Bühne steht und es gibt Unterschiede zu dem,
was sich zur gleichen Zeit abspielt, genau wie im Kino, mehr
als im Theater, wo der Musiker verborgen ist, wo es eine
Bühne hat und Leute die sprechen, Leute die zusammen
spielen und über eine bestimmte Anzahl von Dingen sprechen.
Wie dem auch sei, in „State Buoni Se Potete“ war
es ebenfalls die Geschichte eines Heiligen, welche einige
Jahrhunderte später spielte und wo es nötig war,
eine spannende Handlung für das Publikum zu suchen,
weil es in einem Film eine Handlung braucht. Die Geschichte
muss sehr populär sein und ich glaube, dass mir dies
gelungen ist. In der Geschichte „Peter und der Wolf“ ist
die Tatsache entscheidend, Prokoviev gelesen zu haben, das
ist eine Erfahrung, die dort endet. Ja, da ist der Erzähler,
es gibt also etwas zu sehen von dem, was ich hier mache,
aber es ist nicht wirklich eine Sache... und eigentlich ist „Il
Viaggio Incantato“ eine ziemlich abstrakte Sache. Marionetten,
vor allem so riesige Marionetten wie jene, haben eine etwas
beunruhigende und sehr abstrakte Seite, daran habe ich ebenfalls
gedacht, als ich die Lauda gemacht habe. Aber dort ist es
wirklich sehr abstrakt und so muss es sein, denn, wenn Du
eine Marionette anschaust, macht es Dir auch ein bisschen
Angst, ja, es vermittelt einen sehr sonderbaren Eindruck,
also musst Du etwas anderem folgen als mit Tänzern und
Schauspielern.
E.V.: Hat Dich die Lauda
mehr Zeit gekostet, verglichen mit den Projekten, die Du
bis jetzt realisiert hast? Wie hast Du die Realisierung
dieser Lauda mit der Tournée „Altro
ed Altrove“ vereinbart, die ebenfalls viel Zeit in
Anspruch nahm?
A.B.: “Altro ed Altrove” war eine eher normale
Tournée, würde ich sagen, abgesehen von der Teilnahme
des Malers, aber es war eine Musiktournée. Dies hier
ist es etwas ganz anderes. Ich habe viel Zeit aufgewendet
und dies war richtig so, weil jetzt das Resultat mehr oder
weniger endgültig ist. Während drei Monaten haben
wir übrigens nichts anderes gemacht als geändert,
geändert, geändert. Denn es ist nicht leicht, eine
Aufführung zu inszenieren, deren Idee sehr alt ist,
mit einem Geschmack, den die Leute verstehen müssen,
und so hat es länger gedauert als üblich. Vor allem
am Anfang war es nicht sehr klar, was man überhaupt
machen wollte. Denn die Leute, welche mir diese Arbeit vorschlugen,
nannten es „Musical“ und ein „Musical“ interessierte
mich nicht, denn das machen ja alle. Doch als ich die Idee
einer mittelalterlichen Lauda gefunden habe, wurde alles
viel einfacher. Diese Idee, eine heilige Sache zu sehen,
in welcher man von einem Heiligen spricht, und eine tiefe
spirituelle Ausdrucksweise hat, ohne Pfarreireligion zu machen.
E.V.: “Francesco” ist eine Aufführung,
welche seit ihren Anfängen nicht aufhört sich weiterzuentwickeln.
Ist es leicht, bei einer solchen Entwicklung eine konstante
Harmonie zwischen den diversen Komponenten der Vorstellung
beizubehalten?
A.B.: Gut,
wenn Du das änderst..., natürlich,
wenn Du eine Sache änderst, musst Du nachher auch andere ändern.
Das heisst, wenn Du in einem Werk wie diesem eine Sache änderst,
muss der ganze Rest geändert werden. Es bessert sich
nun allmählich, aber es ist ziemlich schwierig gewesen,
eine Vorlagen zu geben, welche gleichzeitig verschiedene
Bedeutungen haben konnte. Wenn Du folglich die Tänzer
in einer anderen Art tanzen lässt, musst Du nachher
die Schauspieler ebenso auf eine andere Art sprechen lassen,
weil diese Dinge auf die eine oder andere Weise miteinender
verbunden sein müssen. Wenn Du die Art, wie die Heilige
Klara spricht, änderst, musst Du auch die Personen ändern,
welche tanzen. Alles ist verbunden, folglich war es doch
ziemlich kompliziert.
E.V.: Stellt diese künstlerische Zusammenarbeit mit
anderen Berufen der Bühne eine neue Stufe in Deiner
beruflichen Entwicklung dar oder bist Du heute einfach vielseitiger
als früher?
A.B.: Nein,
es ist nicht nur ein beruflicher Aspekt. Es ist eine andere
Weise, sich der Musik zu nähern, also
ist es ein wenig wie die gesamte Kunst, die an sich selbst
eine Utopie ist. Vor allem seit ich San Francesco mache,
selbst bei der Platte, ist es für mich ein bisschen
kompliziert geworden, zum gewöhnlichen Lied zurückzukehren.
Das ist schon mit „Altro ed Altrove“ kompliziert
gewesen, weil, ich weiss nicht auf welche Weise, San Francesco
ein Fixpunkt, ein neuer Abschnitt geworden ist.
E.V.: Die komplexe Struktur
dieser Art von Aufführung
(Theater – Musik – Tanz – Erzählung),
macht dies die Leitung auf der Bühne einfacher oder
im Gegenteil, viel schwieriger?
A.B.: Beides
gleichzeitig. Das bedeutet, da sind Rollen, für welche Du nicht verantwortlich bist, auf die eine
oder andere Art. Wenn die Leute kommen, wissen sie, dass
es kein Konzert ist. Aber für sie gilt, wenn der Schauspieler
gut ist, dann bin ich gut. Wenn die Leute denken, der Schauspieler
sei schlecht, dann bin ich schlecht. Und so ist es einfacher,
aber gleichzeitig ist auch die Verantwortung grösser.
E.V.: Du hast diese
Lauda an sehr verschiedenen Orten aufgeführt,
einige waren sehr symbolisch, andere weniger. Begegnest Du
diesen verschiedenen Orten auf die gleiche Weise? Verwendet
Ihr die gleiche technische Logistik wie bei Deinen Konzerten?
A.B.: Nein,
das sind mehrere Dinge. Heute, zum Beispiel, ist es ziemlich
klein (Theater Manzoni), daher muss man das auf eine andere
Art arrangieren als für ein normales
Konzert, weil man es so machen muss, dass auf einem so kleinen
Platz wie diesem die Proportionen noch eingehalten werden.
Deshalb ist es immer ein bisschen kompliziert, den Ort zu
wechseln. Es gibt Orte, welche perfekt zu diesem Thema passen,
es gibt andere, welche nicht passen...
E.V.: Und gibt es einen
Ort, wo Du Dir gesagt hast: “Hier
ist es!”?
A.B.: Noch
nicht… oder
vielleicht doch, vielleicht Rom…
E.V.: Weil es alt ist?
A.B.: Ja… Ah,
nein, es gab einen perfekten Ort! Aber wir haben nur eine
kleine Sache rezitiert, es war am Festival di Busker, in
Ferrara. Wir haben die wahre Lauda gemacht, das heisst,
auf dem Boden, vor einer romanischen Kirche gespielt, also
hier... auch wenn die Leute das nicht gesehen haben...
aber dort war es die Perfektion von dem, was eine Lauda
ist...
E.V.: Du hast “Francesco” vom
Norden in den Süden
gebracht. Hast Du eine unterschiedliche Aufnahme in den verschiedenen
Regionen Italiens bemerkt?
A.B.: Nein.
Ich habe bemerkt, dass das Publikum - nicht wirklich ein “Theater”-Publikum – stärker
ist, viel wärmer. Hingegen, wenn Du eine Woche bleibst,
wie wir es in Turin gemacht haben, in einem typischen theatralischen
Kontext, hat es viel mehr... Du langweilst Dich ein bisschen… Wir
haben in Trani vor dieser mittelalterlichen Kirche gespielt,
da waren mehr als 10'000 Leute und auch Jugendliche, welche
diese Sache als Fabel anschauten und es war wunderbar. In
Turin, da war es eher wie im Theater.
E.V.: Bringt Dich die Tatsache, eine Figur wie Franziskus
von Assisi zu vertreten, in eine neue Beziehung zu Deinem
Publikum?
A.B.: Nein,
ich beginne die Vorführung, indem ich mich
vorstelle: “Ich bin der Minnesänger”, offensichtlich
also... Ich finde, dass es ein weiterer Schritt in dieselbe
Richtung ist, das heisst, die Leute werden dadurch nicht
durcheinander gebracht, es ist total normal, dass ich dies
mache.
E.V.: Hast Du die Absicht,
Dein Werk in andere Sprachen zu übersetzen?
A.B.: Ja,
auf deutsch sicher. Man muss dazu sagen, dass die Leute,
welche seit mehr als 20 Jahren in Deutschland für mich arbeiten, gekommen sind, um sich die Sache
anzusehen. Sie haben gesagt, dass eine solche Sache in Deutschland
sehr gut funktionieren könnte. Also, zum heutigen Zeitpunkt
weiss man noch nicht, ob wir es auf italienisch machen mit
Untertiteln an einigen Stellen oder, da ich deutsch spreche,
könnte ich es machen, es bräuchte einfach noch
drei junge deutsche Schauspieler. Dies ist noch nicht entschieden.
Aber wir haben vor, dies ist sicher, mit ungefähr 20
Vorstellungen nach Deutschland zu gehen.
E.V.: Französich,
englisch?
A.B.: Zur
Zeit nicht, nein. Zur Zeit…
E.V.: Wiegt die konstante
Arbeit, welche ein Werk wie dieses über
die Figur eines Heiligen verlangt - so bewundernswert er
auch sein mag - moralisch und mental nicht schwer für
einen Agnostiker?
A.B.: Nein.
Man geht das Risiko ein, aber die Musik ist immer etwas
Spirituelles in dem Sinne, dass immer ein Konzept von „Jenseits“ in der Musik enthalten ist. Also
ist sie eine Sache, die man jenseits der geschlossenen Tür
sieht, jenseits der Mauer. Transzendenz ist typisch für
die Musik. In diesem Fall ist es noch etwas anderes. Damit
will ich sagen, dass auch ich glaubte, der heilige Franziskus
wäre ein etwas Verrückter, der mit Tieren spricht...
Doch wenn Du alle franziskanischen Schriften liest, das sind
1'500 Seiten, erkennst Du hingegen einen aussergewöhnlichen
Mann, der schon vor 800 Jahren aussergewöhnliche Dinge
erfand. Und hier ist wiederum nicht nur die Heiligkeit, sondern
vor allem die Menschlichkeit so stark, dass ich in diesem
Moment nicht wüsste, was ich anderes machen sollte.
E.V.: Heisst das, dass
diese Arbeit über das Leben
eines Heiligen wie Franziskus von Assisi Dir etwas gebracht
hat?
A.B.: Ja,
absolut, auf der spirituellen Seite. Das heisst, dass Du
Dir bewusst wirst, selbst wenn Du auf dem Weg, auf welchem
Du gehst, viele Fehler machst und fällst, dass
es einen Weg des Glaubens gibt, den Du vielleicht nicht gesehen
hast, den ich nicht gesehen habe. Ich bin ein Sünder,
doch sobald ich hierhin oder dorthin gehe, ist da ein Pfad,
ein idealer Weg. Und dies habe ich durch die Geschichte von
Franziskus entdeckt.
DIE MUSIKALISCHE ANNÄHERUNG
E.V.: Was Deine musikalische
Aktivitäten angeht, kannst
Du uns etwas über Deine Projekte betreffend Futuro Antico
IV sagen?
A.B.: Oh
ja, Futuro Antico IV wird im April 2005 realisiert und
deshalb, ich weiss es nicht genau, könnte sie im
Mai herauskommen. Diesmal ist das Album der Musik des Karnevals
von Venedig gewidmet. Und es wird ein Konzert auf der Piazza
San Marco geben am Tag der Festa del Redentore. Es ist das
grösste venezianische Fest, am 18. Juli.
E.V.: Ist Futuro Antico
für Dich das Mittel, Deine
Leidenschaft für Geschichte und Deine klassische Ausbildung
zusammen zu konzentrieren? Welches ist Deine wirkliche Motivation?
A.B.: Für mich ist es wie eine andere Karriere. Ich
habe dies nie am Konservatorium studiert, weil man dies nicht
machte, man hat beim Barock angefangen... aber dann, von
dem Moment an, als ich nicht mehr hin ging, einige Jahre
nachdem ich das Diplom erhalten hatte, nach dem Konservatorium...
gut, offensichtlich bin ich kein richtiger Musikwissenschaftler.
Das Mädchen, welches mit mir musiziert, Francesca Torelli,
ist eine wahre Musikwissenschaftlerin. Ich gehe also mit
einem kindlichen Geschmack hin, ein wenig wie ein Tourist,
im Sinne von: „darum kümmere ich mich nicht, es
gefällt mir“. Sie hingegen ist sehr philologisch
und sehr präzise und ich glaube, dass es beide Dinge
gleichzeitig braucht: Die philologische Präzision, um
vor allem das Resultat auf jedem Niveau und aus jeder Sichtweise
zu betrachten und etwas anderes von meiner Seite. Den Leuten
würde es nicht gefallen, wenn es eine Sache wäre,
so wie es alle anderen machen, dann hätte es nichts
zu sagen.
E.V.: Während 30 Jahren sind Deine Musikalität
und die aufgegriffenen Themen zusammenhängend geblieben,
aber Deine Art, sie aufzunehmen und dem Publikum wiederzugeben,
hat sich geändert. Von einer mehr „eigenwilligen“ zu
einer mehr realistischen Annäherung an diese Themen.
Wirst Du mit der Zeit fähig werden, Dich dunkleren Annäherungen
zuzuwenden?
A.B.: Ich
weiss nicht, ich bin mir dessen nicht bewusst. Ich hoffe,
ich weiss, dass es eine Evolution gegeben hat, sicher hat
es keine Revolution gegeben. Ich hoffe, es hat keinen Rückschritt gegeben. Aber ich bin mir dessen
nicht bewusst. Wenn ich auf der Bühne bin, dann bin
ich einfach viel ruhiger, ich habe keine Angst, denn Angst
führt natürlich zu Aggressivität, welche ich
am Anfang meiner Karriere hatte... all dies existiert nicht
mehr, es ist vielmehr ein ironischer Geist, eine grosse aber
heitere Melancholie mit einem Geschmack, der mit dem Alter
kommt.
DER MANN UND DER KÜNSTLER
E.V.: Welches ist das
auslösende Element Deiner Begeisterung
für etwas Neues?
A.B.: Es
ist ein kindlicher Geschmack, doch dessen bin ich mir ebenso
wenig bewusst. Es ist der ein kleinwenig perverse Geschmack
eines Kindes, das eine Konfitüre sieht, die
es nie gestohlen hat, die es nie probiert hat. Das ist es,
was mich antreibt. Wenn ich das nicht spüre, verliere
ich das Interesse vollkommen.
E.V.: Hat sich dieses
Element während den 30 Jahren
Deiner Karriere verändert?
A.B.: Nein,
es ist immer so geblieben. Natürlich ist
es etwas schwierig, nach 30 Jahren Dinge zu finden, die Du
noch nie gemacht hast. Aber der Geschmack ist noch genau
der gleiche.
E.V.: Deine Karriere
hat Dir als Künstler grosse Befriedigung
gebracht. Musstest Du einen Preis dafür zahlen?
A.B.: Ich
hatte einen hohen Preis zu zahlen… Das
Talent bringt Dich dazu, einen Preis zu zahlen… Das
ist normal. Mein Professor sagte es mir, als ich klein war...
Das Talent lässt Dich etwas zahlen. Manchmal etwas sehr
teures... Das ist normal, weil das Talent eine Art Hypersensibilität
ist, welche Dich von Zeit zu Zeit krank macht, welche Dich
von Zeit zu Zeit komplett schutzlos macht. Und diese Überempfindlichkeit
kann Probleme schaffen. Die Musiker, die Künstler, ich
kenne viele, sind alle so. Es ist immer wie „borderline“,
Leute, welche auf dem Grat gehen und der Preis, den Du zahlst
ist, dass Du manchmal auf die andere Seite fällst.
E.V.: Du hast einen Beruf, der sehr stark der Kritik ausgesetzt
ist. Bist Du ein Mann, der die Kritiken akzeptiert um sich
weiter zu entwickeln oder, im Gegenteil, ignorierst Du sie
und gehst den Weg weiter, den Du eingeschlagen hast?
A.B.: Ich
würde sagen, dass ich sie lese und von Zeit
zu Zeit finde ich interessante Fakten. Zum Beispiel, was
der „Corriere della Sera“ nach meiner ersten
Vorstellung in Mailand geschrieben hatte, war absolut richtig
und wahr. Und deshalb habe ich zu ändern begonnen. Aber
ich muss sagen, das kommt sehr selten vor. Normalerweise
finde ich nichts Interessantes. Ich lese Dinge, die ich bereits
weiss, die ich selbst so entschieden habe.
E.V.: Wenn eine Leidenschaft
Arbeit wird oder wenn die Arbeit Leidenschaft wird, beeinflusst
dies zwangsläufig die
Persönlichkeit. Welchen Einfluss war der wichtigste
bei Branduardi? Jener des Mannes auf den Künstler oder
der des Künstlers auf den Mann?
A.B.: Mann
und Künstler sind nicht dasselbe… Es
kommt darauf an… Ich würde sagen mehr der Künstler,
aber das ist sehr schwer zu sagen, weil beide sehr oft komplett
verschieden sind. Das heisst, wenn Du ein unruhiger Mann
bist, machst Du ruhige Musik, weil Du die Ruhe suchst. So
sind viele „böse“ Rocker sehr ruhige Leute,
weil dies das pure Gegenteil ist.
E.V.: Nach 30 Jahren
Karriere ist es da leicht, das Gleichgewicht zwischen Leidenschaft
und Broterwerb zu halten?
A.B.: Man
muss einen Kompromiss finden… Also, wenn
Du grossen Erfolg gehabt hast, 30 Jahre und sogar länger,
wirst Du Dir bewusst, dass Du eine kleine Nische finden musst.
Klein oder gross, aber Du musst wissen, dass Du nicht immer
eine grössere Menge machen kannst, so ist das Gesetz
im Show-Business. Und Du musst alle Dinge auf einmal managen.
Am Anfang benötigst Du eine Anzahl Leute, eine grosse
Anzahl, um nachher die Möglichkeit zu haben, zu sagen,
ich würde nicht sagen, es ist Dir Schnuppe, aber doch
beinahe. Die grosse Anzahl der Leute, die Du am Anfang gewonnen
hast, das sind Leute, die, wenn sie an Dich glauben, mit
Dir wachsen werden. Und Du hast nichts zu befürchten.
Hingegen, wenn Du das Roulettespiel machst, was viele Leute,
die ich kenne, oft machen, wirfst Du die Kugel und man verzweifelt,
in diese neue Katastrophe zu gehen, die man nicht bewältigen
kann.
E.V.: Etienne Roda-Gil
hat gesagt, dass man seine Inspiration in seinen Kindheitsgefühlen findet. Und bei Dir, was
ist von Deinen Kindheitsgefühlen geblieben in Bezug
auf die Welt im allgemeinen?
A.B.: Alles.
Einerseits finde ich, dass ich sehr, sehr alt bin, viel älter
als mein Alter, andererseits finde ich, dass ich sehr,
sehr jung bin. Das sind zwei Dinge auf einmal. Ich bin
ein 500 Jahre altes Kind.
E.V.: Ist Dein Alter
Synonym von Bereicherung, oder im Gegenteil, hast Du Angst
vor dem Älterwerden?
A.B.: Nein,
das gefällt mir viel besser. Ich fühle
mich viel wohler in meiner Haut als früher. Weil viele Ängste
und Probleme, die ich vor allem in meiner Jugendzeit, meiner
Kindheit hatte, diese habe ich nun nicht mehr. Doch es ist
viel mehr, ich würde es eine heitere Melancholie nennen,
was ich heute habe. Vorher war es Wut, viel weniger heiter,
ich war zu verärgert.
E.V.: Ist das Leben eine Therapie?
A.B.: Die Kunst ist eine Therapie. Und die Jahre, die ich
auf meinen Schultern habe, vor allem die letzten, waren eine
Therapie, weil ich so viele Dinge entdeckt habe.
E.V.: 2004, 30 Jahre
Karriere, 19 Alben, ohne jene zu zählen
in anderen Sprachen, die Filmmusik, die fantastische Arbeiten
zusammen mit anderen Musikern, kurz, eine reich gefüllte
Karriere. Hast Du während dieser 30 Jahre Deine künstlerischen
Träume realisieren können? Welches sind Deine Träume
für die nächsten 30 Jahre?
A.B.: Da
ist EIN grosser Traum. Das wird nur ein Traum bleiben,
aber er hilft mir zu leben. Das, was ich gerne in meinem
Leben gemacht hätte, wäre Dirigent zu sein. Ich
dirigiere von Zeit zu Zeit die Saiten, wenn ich eine Platte
mache, aber das hätte ich wirklich gerne gemacht...
vielleicht, eines Tages...
© Elise Valere