Angelo Branduardi wird am 12. Februar 1950 in Cuggiono geboren, einem kleinen Dorf, eingebettet in der grünen Mailänder Landschaft. Er ist noch ein Baby als seine Familie nach Genua zieht. Dort verbringt er seine Kindheit und Jugend, erst in einem Haus eines verrufenen Quartiers des alten Hafens, nachher an der Peripherie. Er besucht die Schulen des Quartiers, wo er mit der Musik vertraut gemacht wird. Mit 6 Jahren möchte er anfangen, Klavier zu spielen, aber dies ist aus praktischen Gründen nicht möglich. So wählt er die Geige, welche er am Konservatorium Niccolò Paganini studiert und dort Solist des Orchesters wird. Gegen Ende seiner Jugendzeit kehrt er nach Mailand zurück und schreibt sich am technischen Institut für Tourismus ein. Dort trifft er seinen „unvergesslichen“ Lehrer, den Poeten Franco Fortini. In dieser Zeit vernachlässigt Angelo die Geige ein wenig zu Gunsten der Gitarre, welche damals mehr in Mode war. Anschliessend besucht er kurze Zeit die Fakultät der Philosophie und verlässt sie nach einigen Monaten wieder, weil er dort keine Antworten auf seine existenzialistischen Fragen gefunden hat. Er lernt Luisa Zappa kennen, die er einige Jahre später heiraten wird. Er beginnt seine musikalische „Produktion“, mit der Vertonung der Worte seines russischen Lieblingspoeten, Sergej Esenin (Confessioni di un malandrino).

1974 beginnt für Angelo Branduardi das diskografische Abenteuer mit einem ersten Album, ganz einfach Angelo Branduardi genannt, unter dem Label RCA, arrangiert und überwacht von Paul Buckmaster. Ein sicherlich noch „unreifes“ Album, welches jedoch bereits auf den zukünftigen Stil des Künstlers hinweist.

1975, kaum ein Jahr später, erscheint das Album La Luna, das eine typisch branduardische Ambience öffnet, eine Welt der Fabeln und Phantasien, und auch die erste Zusammenarbeit mit seiner Frau Luisa präsentiert. Die Symbolik dreht sich hauptsächlich um die Beziehung des Menschen zur Natur, zur Musik, aber auch zum Tod. Auf diesem Album erscheint das berühmte Lied „Confessioni di un malandrino“. Mit diesem Album entsteht eine fundamentale Freundschaft und Zusammenarbeit mit Maurizio Fabrizio, welcher den Künstler bei zahlreichen anderen Produktion begleiten wird.

Man trifft ihn wieder bei der nächsten Platte: Alla fiera dell'est für Polygram 1976, welche im gleichen Jahr noch den Preis der Plattenkritik erhält. Der Stil von Branduardi setzt sich unweigerlich wie ein Traum in einer Atmosphäre von volkstümlichen Fabeln fest, hebräisch in „Alla Fiera dell’est“, deutsch in „Sotto il tiglio“, orientalisch in „Il dono del cervo“ oder bretonisch in „La serie dei numeri“. Hier wiederum wird die Beziehung des Menschen zur Natur und jene zum Tod in „Il funerale“ ausführlich behandelt.

Im folgenden Jahr findet man Angelo als “Gast” auf dem Album “Samarcanda” von Roberto Vecchioni.

1978 stellt Angelo Branduardi seinem Publikum ein neues Werk vor La pulce d’acqua, immer noch in einer fantastischen Atmosphäre von Fabeln aus der ganzen Welt, der Zen Philosophie, den Legenden bezüglich Merlin, die Matthäus-Evangelien und die bretonischen Legenden streifend, nicht zu vergessen auch die Geschichte der Indianer von Amerika, die er zum Titelsong dieses Albums macht, wiederum in Zusammenarbeit mit Maurizio Fabrizio und Luigi Lai, dem sardischen Meister der Launeddas.

1978 war der Beginn der grossen europäischen Tournéen des Künstlers: in diesem Sommer in der ersten Carovana del Mediterraneo mit anderen Künstlern wie Banco del Mutuo Soccorso, Maurizio Fabrizio, Luigi Lai oder Mizrahi.

1979 schafft ein neues Album Cogli la prima mela, eine Atmosphäre von unglücklicher Liebe, welche das Publikum begeistert und für das er den Preis der Musikkritik sowie eine Platin-Schallplatte erhält. Branduardi besingt hier die Weiblichkeit, immer noch inspiriert von Fabeln und Mythen, aber auch von Geschichten. Es ist jedoch die unglückliche Liebe, über die Branduardi singt, quer durch die Fabeln, über diabolische Ehemänner, die tragische Liebe. Mit diesem Album erreicht der Künstler die Bestätigung: überall umworben findet man ihn auch in Paris am „Fête de l’Humanité“, wo er vor über 200'000 Leuten auftritt.

Aus den Tournéen dieser beiden letzten Jahre, 1980, entsteht ein dreifaches live-Album sowie ein Video, beide mit dem selben Namen Concerto. Im gleichen Jahr startet Angelo während des Sommers mit der Carovana del Mediterraneo zu "einem langen Fest mit Angelo Branduardi und seinen Freunden Stephen Stills, California Blues Band, Richie Havens und vielen anderen“ quer durch Italien, Deutschland und Frankreich.

1981 wird Branduardi bester Künstler des Jahres mit dem Album Branduardi, wiederum arrangiert von Paul Buckmaster. In diesem neuen Album hat sich der Künstler weiter entwickelt, ebenso die Texte. Sie wurden bedeutungsvoller, der Akzent wurde auf Rhythmen und Perkussion gelegt, in einer harmonischen, instinktiven und dennoch raffinierten Mischung. Diesmal findet man andere Themen im Vergleich zu den bisherigen Alben: die Wiedersehensfreude, die Freundschaft oder das Fest. Das Album ist strukturiert, beginnt mit einer Einleitung „L’amico“, führt weiter mit typischen Stücken wie „La cagna“, Interpretation eines Gedichtes von Essenin, um schliesslich zu den Liedern mit sonnigeren Rhythmen zu gelangen, mit einer kleinen Rast auf einer fantasievollen Note „Il disgelo“ vor dem grossen Finale.

Im gleichen Jahr findet man die Lieder von Angelo im Film „Un Matin Rouge“ von Jean Jacques Aublanc wieder.

1983 ist das Jahr von Cercando l’oro, ein Album, entstanden aus dem Wunsch heraus, zu spielen und zu singen. Einziger Leitfaden ist die Freude, auf die Suche nach irgendetwas zu gehen, und diese Freude mit anderen zu teilen. Auch hier weiss Angelo sich mit Kollegen zu umgeben. Als Gast findet man in „Piano piano“ die keltische Harfe und in „La giostra“ den Dudelsack des grossen Alan Stivell. Für die Grafik ist es Emanuele „Lele“ Luzzati, der den Bildern aus Branduardi’s Liedern Leben einhaucht.

1983 ist auch das Jahr, in welchem Angelo seine ersten Schritte im Bereich Filmmusik macht. Er realisiert die Originalmusik des Filmes State buoni se potete (Himmel und Hölle) von Luigi Magni, welcher ihm den Preis David di Donatello und ein Nastro d’Argento einbringt. Bei dieser Gelegenheit steht Branduardi mit einem Fuss im Kino: er interpretiert die Rolle von Spiridione, einem Musiklehrer, welcher beauftragt ist, den Chor der Kinder von San Filippo Neri zum Singen zu bringen.

Danach folgt eine Periode der Stille.

Später findet man Branduardi zusammen mit anderen Künstlern in Projekten wie „Volare“ und „Mother and child reunion“ im Jahr 1985 sowie 1986 „Poets in New York“, ein Album, welches dem Poeten Federico García Lorca gewidmet ist, für welches er das Gedicht „Cry to Rome“ (Grido a Roma) vertont.

1986 bedeutet die Rückkehr von Branduardi: zuerst mit der Filmmusik zu der sehr schönen Geschichte von Momo, Verfilmung des Werkes von Michael Ende durch Johannes Schaaf. Aber vor allem mit dem Album Branduardi canta Yeats, einer „Sammlung“ von 10 Gedichten des irländischen Poeten William Butler Yeats, übersetzt und adaptiert von Luisa Branduardi und vertont durch Angelo. Ein wunderschönes, akustisches Album, für welches Branduardi erneut mit Maurizio Fabrizio zusammenarbeitet. Hier taucht man wieder in einen Traum von Grazie und Schönheit ein, von unerfüllter Liebe, von Unschuld, Musik und Tod. Bei diesem irländischen Poeten findet man diese Themen immer wieder, sie sind dem Künstler wichtig, das Ganze in einem sehr intimen und grossartigen Werk.

1987 realisiert Branduardi die Musik zum Film „Luci lontane“ von Aurelio Chiesa.

1988 erscheint Pane e Rose, erneut in Zusammenarbeit mit Maurizio Fabrizio, ein sehr farbiges, rhythmisches Album. Mitten in Liedern mit sehr afrikanischen oder kreolischen Klängen findet man wieder die Beziehung des Menschen zur Natur „L’albero“, die Liebe „Donna mia“ und „Tango“, den Mythos „Barbablu“ und „Miracolo a Goiania“, die Kindheit und eine Adaption des letzten Briefes von Ernesto Che Guevara an seine Eltern.

1989 schreibt Branduardi die Musik für einen weiteren Film von Luigi Magni: Secondo Ponzio Pilato, wo das sehr schöne „Canzone del deserto“ die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Mit Pane e Rose, Branduardi eine neue Phase seines Stils an: diese Veränderung bestätigt sich 1990 mit Il ladro, dem letzten Album, das er bei Polygram produziert. Hier findet man eine karge, dunkle Atmosphäre. Es handelt nicht mehr von Liebe und Fröhlichkeit sondern von einer schwerer wiegenden Atmosphäre, sogar melancholisch, mit einer Spur von Verbitterung und Rache. Dennoch bleibt es ein sehr ansprechendes Album. Das Cover wurde von Silvio Monti realisiert.

1990 beginnt auch die Zusammenarbeit mit zahlreichen Künstlern, wie zum Beispiel mit Le Orme (Orme) oder Fabio Concato und Mussida „Radici di terra“.

1992 bedeutet einen Neustart mit der Unterschift bei EMI, dem Erscheinen der Best Of, und einer Sammlung von Filmmusik, Musiche da film, sowie eines neuen Albums Si puo' fare. In einer fröhlicheren und aufbrausenderen Atmosphäre findet man verschiedene Themen wieder, wie die Liebe, der Aufbruch, die Reise... Für dieses Album arbeitet er mit dem kanadischen Künstler Zachary Richard zusammen und im Gegenzug singt Branduardi zusammen mit ihm „Io brucio“ auf dessen Album „Snake bite love“.

1995 veröffentlicht Branduardi Domenica e lunedi. In diesem Album setzt sich der aktuelle Stil des Künstlers durch. Wieder findet man Maurizio Fabrizio und ausserdem eine Auswahl grossartiger Autoren: den Texten von Luisa Branduardi schliessen sich jene an vom experimentellen Dichter Pasquale Panella, von Paola Pallottino, Roberto Vecchioni, Eugenio Finardi oder auch Laurent De Medici, genannt der Herrliche. Dieses Album ist gleichzeitig zärtlich und bissig, poetisch und mitreissend, eine Einladung an das Leben und die Liebe, ohne darüber die Realität zu vergessen. Dieses Album ist Franco Fortini gewidmet, einem von Branduardi’s Lehrern.

Im Anschluss an dieses Album startet eine Europa-Tournée mit ungefähr 80 Konzerten, aus welchen 1996 ein zweites, sehnlichst erwartetes Live-Album Camminando Camminando, entsteht. Darauf findet man zwei unveröffentliche Lieder mit Texten von Giorgio Faletti: „Piccola canzone dei contrari“ und „L’apprendista stregone“.

Im gleichen Jahr ist Branduardi Gast auf dem Album „Le petit Arthur“ von Alan Simon und präsentiert eine wunderschöne „Rose des Vents“, französische Version des Liedes „Vanità di vanità“, aus der Musik des Films „State buoni se potete“.

1996 produziert Branduardi das erste Album aus der Reihe Futuro Antico. Er knüpft hier wieder an seine klassische Ausbildung an, arbeitet zusammen mit der Gruppe Chominciamento di Gioia, unter der Leitung von Renato Serio. Dieses Album enthält ein Dutzend Stücke, Adaptionen von Musik und Liedern aus dem Mittelalter aus ganz Europa, in welchen die profane und die heilige Musik gemischt werden. Der Künstler besinnt sich ebenfalls auf sein Image als Minnesänger, welches zu Beginn seiner Karriere zu seinem Erfolg beigetragen hat, und belebt die Melodien eines musikalisch vergessenen Jahrhunderts neu.

1997 arbeitet er mit Baccini zusammen und singt „Mani di forbice“ sowie mit der Nuova compagnia di canto popolare mit „Pesco d’'o mare“ und „Festa d’'o sole“.

1998 erscheint das Album Il dito e la luna, dessen fantastischen und ungewöhnlichen Texte von Giorgio Faletti stammen. Die Texte scheinen zur Idee zurückzukehren, dass man über das, was sichtbar ist, hinausschauen muss, über die fixe Idee der Rationalität. Man bemerkt auch die Seite der Selbstironie und das erzählende Ich von „La comica finale“. Musikalisch ist es ein sehr angenehmes Album, mit kontrastreichen Klängen und farbigen Texten.

Ebenfalls 1998 erscheint der Doppel-Sampler Studio Collection, der die bekanntesten Stücke von Maestro Branduardi umfasst.

Noch im gleichen Jahr nimmt er am Excalibur – La légende des Celtes von Alan Simon teil.

1999, mit der Entstehung von Futuro Antico II schliesst Branduardi das Jahrtausend ab, an der Seite vom Ensemble Finisterrae, dirigiert von Maestro Renato Serio. Diesmal nimmt er die Musik von Giorgio Mainero auf, einer Persönlichkeit aus dem 16. Jahrhundert. Unter anderem findet man hier „Schiarazula Marazula“ wieder, in einer Art klassischen und komplexen Version von „Ballo in fa diesis minore”.

Branduardi wirkt dieses Jahr mit Ennio Morricone auf dessen Album “Cinema-concerto” mit, ebenso bei “Skiantos”.

2000 beginnt das neue Jahrtausend von Branduardi mit zwei Kollaborationen: Mit den Tenores di Neoneli und dem Lied „Ai cuddos“ sowie mit Giorgio Faletti und „La grande attrazione“. Schliesslich erscheint ein neues Album zur Milleniumfeier der Christen, L’infinitamente piccolo. Es wurde inspiriert von der Lauda und entsteht auf Anfrage von franziskanischen Mönchen aus Assisi, basierend auf den Schriften von Franziskus. An diesem Album arbeiteten grosse Künstler mit, wie Franco Battiato, Madredeus, Ennio Morricone, la Nuova Compagnia di Canto Popolare, I Muvrini und das Orchester La Viola. Dieses Album hat grossen Erfolg in Europa. Mit zum Teil überraschender Musik konnte Branduardi ein neues Gesicht des Heiligen aufzeigen.

2002 erscheint Futuro Antico III, in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Scintille di musica, dirigiert von Francesca Torelli. Diesmal versetzt uns Branduardi zurück ans Ende des 15. Jahrhunderts, an den Hof der Gonzaga’s von Mantua, grosse Mäzene der damaligen Zeit. Man findet Stücke von Monteverdi, Gastoldi oder Saracini, aber ebenso französische Kompositionen (Planson und Vallet) sowie englische (Dowland) in Form von 6 der Liebe gewidmeten „Suiten“.

Um bei dem Thema Liebe zu bleiben produziert Branduardi 2003 Altro ed altrove, parole d’amore dei popoli lontani: 13 vertonte „Gedichte der Liebe“ aus anderen Epochen und Ländern. Aus Nepal „Laila Laila“, die irische Ballade „Donna di Luce“, über die amerikanischen Indianer, die Kabili aus Afrika, die japanische Tradition bis hin zum Libanon, lädt uns Branduardi zu einer Reise ein ins jenseits der Grenzen von Raum und Zeit, auf dem „universellen Weg der Liebe. Dieses wunderschöne Album wird von Silvio Monti illustriert.

Es folgt eine lange Tournée mit herrlichen Konzerten, während welchen der Künstler und Maler Silvio Monti sich in Harmonie mit dem Sänger auf der Bühne präsentiert. Aus diesen so kreierten Bildern entsteht die Ausstellung Viceversa, welche durch die grössten italienischen Städte zieht.

Zur Zeit ist für den lombardischen Künstler die Lauda Francesco, aktuell, basierend auf dem Album „L’infinitamente piccolo“, welches auf der Bühne Schauspieler, Tänzer sowie Maestro Branduardi und sein Orchester vereint.
(LAUDA = ein vom 13. bis 17. Jh. in Italien gepflegter geistlicher Lobgesang).

© Micky - Übersetzung D.C. - korrigiert von Monika Wegener

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